Grußwort zur Mettenschicht am Frölichstolln in Sosa am 20. Dezember 2025
Liebe Bergbrüder.
sehr geehrter Ortsvorsteher,
sehr geehrte Bürgerschaft von Sosa
sehr geehrte Gäste, die Ihr heute hier zusammengekommen seid,
“Alles kommt vom Bergwerk her.”
Diesen Spruch zum Dasein der Menschen im Erzgebirge kennt fast jeder. Und jeder interpretiert ihn für sich etwas anders. Früher habe ich diesen Spruch unter dem Aspekt der Erzgebirgischen Tradition und unserer wirtschaftlichen Vergangenheit betrachtet. Seit einiger Zeit aber bewegt er mich auf eine ganz andere neue Weise. Wenn wir uns zur Mettenschicht versammeln, dann tun wir das nicht nur aus Tradition, sondern auch um innezuhalten, zurückzublicken – und “Ja” auch um nach vorn zu schauen. Die Mettenschicht ist deshalb auch immer ein Moment der Besinnung, der Wahrheit und der Verantwortung gewesen.
Der Bergmann war nie ein Mann der großen Worte. Sein Stolz lag nicht im Reden, sondern im Tun. Tief unter Tage, im Dunkeln, bei Staub, Enge und Gefahr, hat er gearbeitet – für seine Familie, für sein Land und für kommende Generationen. Der Fleiß der Bergleute hat das Erzgebirge geprägt. Er hat Städte entstehen lassen, Handwerk hervorgebracht, Wissen geschaffen und Wohlstand ermöglicht. Silber, Zinn, Kobalt, Uran – sie kamen nicht von allein ans Licht. Sie wurden mit harter Arbeit, mit Mut und mit Opferbereitschaft gewonnen.
Der Bergmann wusste: „Was wir heute an gutem Erz fördern, ernährt morgen unsere Familien.“ Und er wusste auch: „Was wir heute nicht fördern, bringt uns morgen Armut und Entbehrung.“ Heute leben wir in einer Zeit des Wohlstands. Vieles ist selbstverständlich geworden. Strom kommt aus der Steckdose. Metalle stecken in jedem Handy, in jedem Auto, in jedem Computer. Doch kaum jemand fragt noch: „Woher kommt das eigentlich? Unter welchen Bedingungen wird es gefördert und zu welchem Preis?“ Und das morgen dieser Wohlstand enden könnte, verdrängen wir gerne.
In Deutschland von heute sind Bergwerke kaum noch erwünscht. Schon beim ersten Antrag auf Erkundung regt sich Widerstand. Rohstoffgewinnung gilt als störend, als umweltschädlich, als nicht mehr zeitgemäß. Das machen andere für uns, die unkontrolliert jenseits von Recht und Gesetz Landschaft zerstören. Doch was heißt das in Wahrheit? Wir verlagern Arbeit, Risiken, Umweltbelastungen ins Ausland. Wir verlieren Wissen, Können und Erfahrung. Wir geben Stück für Stück unsere Souveränität auf. Wir machen uns abhängig und erpressbar. Besonders deutlich wird das in unserer Abhängigkeit von China. Seltene Erden, Metalle, Vorprodukte kommen fast ausschließlich nur noch von dort. Ohne diese Rohstoffe stehen unsere Industrien still.
Die Bergleute von früher haben gesagt: „Wer seinen Stollen Fremden überlässt, darf sich nicht wundern, wenn er eines Tages sein Sklave wird.“ Einer der weltweit größten Lithiumfunde mit 43 Millionen Tonnen Lithiumkarbonat lagern in der Altmark. Unter deutschem Boden lagert so viel Erdgas, dass wir für die nächsten 40 Jahre den Russen und Amerikanern die kalte Schulter zeigen könnten. Auch bei uns braucht gar nicht so weit weg zu gehen. In Pöhla oder auch hier im Auersberggebiet lagern wertvollste Erze, die unsere Wirtschaft braucht.
Wie gehen wir damit um? Wir lassen sie liegen. Und im Übrigen sind die Politiker daran schuld. Dieser Gedanke ist modern und aktuell in unserer freien Gesellschaft hipp, ihn auszusprechen. Aber in diesem Zusammenhang ist er leider falsch.
Denn wir selbst sind es, die sich in den Genehmigungsverfahren gegen die Vorhaben stellen. Fragen wir uns selbst, wie wir dazu stehen, wenn Bergwerke hier in unserer Region geöffnet werden sollen, wenn dazu Straßen durch schöne Landschaft gelegt werden müssen oder Wald dafür gerodet werden muss. Den Fortbestand von Atomkraftwerken zu fordern, ohne eine Lagerung des Atommülls zu wollen, funktioniert einfach nicht.
Der Erhalt von Wohlstand hat seinen Preis. Aber unser Rechtsrahmen heute sichert uns Menschen gerade hier in Deutschland den weltweit den schonendsten Umgang mit Gewinnung von Bodenschätzen und der Lagerung von dessen Abfall. Bergleute genießen bei Ihrer Arbeit den größtmöglichen Schutz für Leib und Leben. Selbst die Angst vor der Lagerung abgebrannter Atombrennstäbe ist naturwissenschaftlich unbegründet, wenn man es richtig macht.
Wir müssen uns in einem kleinen Zeitfenster, dass uns noch bleibt entscheiden. Wollen wir den Wohlstand auf dem heutigen Niveau erhalten, dann müssen wir symbolisch gesprochen auch bereit sein, wieder Bergwerke zu täufen mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen. Oder wollen wir diesen nicht erhalten, dann ist es auch in Ordnung. Aber dann müssen wir uns darauf einstellen und damit leben. Nur eines wird dann nicht mehr helfen, Klagen und Jammern.
Ich würde mich für das erstere entscheiden. Wir brauchen heute wieder den Mut zur Unabhängigkeit. Nicht aus Überheblichkeit, sondern aus Verantwortung. Um wieder auf die alten Bergleute zurückzukommen, sie wussten immer: „Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst. Mut ist, trotzdem in den Schacht einzufahren.“ Die Mettenschicht erinnert uns auch heute daran, woher wir kommen. Aber sie stellt uns auch die Frage: Was machen wir aus diesem Erbe? Bewahren wir n i c h t nur die Lieder, die Tracht und die Kerzen. Treten wir ein für unsere Werte – Fleiß, Verantwortung, Gemeinschaft, Mut und Gottvertrauen. Die Mettenschicht erinnert uns daran, dass Arbeit Würde ist. Dass Fleiß eine Tugend ist. Und dass Freiheit ohne Verantwortung nicht bestehen kann.
Heute möchte ich im Namen unserer Stadt, der Ortschaft, des Ortsvorstehers und auch ganz persönlich der Bergbrüderschaft Sosa für die im vergangenen Jahr geleistete Arbeit danken. Sei es bei den Auftritten zu den Bergparaden, beim Tragen der Toten oder beim Erhalt des Geländes hier am Frölichstolln. Einen besonderen Dank möchte ich für die Unterstützung bei der Sanierung des Schwibbogens in Sosa aussprechen, wo wir nur durch Eure Bereitschaft die notwendigen Fördermittel bekommen konnten. Im nächsten Jahr habt Ihr gemeinsam mit Ortsvorsteher Tobias Unger hier auf diesem Gelände viel vor. Dies möge Euch gut gelingen.
Ihnen, werte Bergbrüder und werte Bürgerschaft, wünsche ich eine gesegnete Weihnachten und für das neue Jahr viel Kraft, Mut und Gelingen bei all Ihren Plänen und dazu Gottes reichen Segen.
„Glück auf!“
Uwe Staab (Bürgermeister)




