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07.02.2019
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Das Carlsfelder Bandonion reiste nach Pomerode

(AP) Was ist Pomerode? Wo liegt es? So stellten sich die Musiker die Frage, als Robert Wallschläger am 3. Oktober 2018 vor einem Auftritt den Bandonionverein informierte, dass sie eine Einladung dorthin erhalten haben. Großes Erstaunen und kleine Schockwirkung, als er mitteilte, dass dieser Ort in Brasilien liegt, nämlich ca. 600 km südlich von Rio de Janeiro und ca. 25 km nördlich von Blumenau.
Blumenau, den Ort kennen wir doch von Deutschland. OK, aber der Reihe nach. Wie kam es, dass sich in Südbrasilien Deutsche niederließen? In 19. Jahrhundert war Brasilien ein Kaiserreich, und der Thronfolger heiratete 1817 die österreichische Erzherzogin. Mit ihr zogen deutsche Handwerker, Wissenschaftler und Künstler nach Brasilien. In den nächsten Jahren wanderten noch Bauern aus. Damals eine Reisedauer von 40 bis 120 Tagen und vielen Krankheiten und Todesfällen während der Überfahrt. Warum? In Deutschland und Gesamteuropa herrschten Armut, Hungersnöte und Hoffnungslosigkeit. Der Kaiser gab den Siedlern 77 ha Land, Werkzeuge, Vieh und Saatgut, um selbständig ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Allerdings verschwiegen die Informationen über Abenteuer und Reichtum, dass die Neuankömmlinge erst bei sengender Hitze (60 0C im Schatten) den Urwald roden und sich mit den Ureinwohnern auseinandersetzen mussten.
Im Jahre 1850 erhielt Hermann Blumenau (1819 -1899) von der Gesellschaft zum Schutz der deutschen Auswanderer in Südbrasilien das Angebot, die Gründung einer Kolonie zu leiten. Mit 17 Kolonisten (Handwerker und Bauern) gründete er die Stadt Blumenau (Bundesstaat Santa Catarina), die sich heute zu einer industriellen Großstadt mit etwa 300.000 Einwohnern entwickelt hat. 1884 kehrte Blumenau nach Deutschland zurück, wo er auch starb. 1974 wurden seine Gebeine exhumiert und in Blumenau in Brasilien beigesetzt.
Durch die relative Abgeschiedenheit blieb Deutsch die einzig gesprochene Sprache, bis weitere Aussiedler aus Italien, Polen, Rumänien und anderen europäischen Ländern kamen. Deutsch war weiterhin lingua franca (Amtssprache), bis während des 2. Weltkrieges deutsch verboten wurde, weil sich Brasilien auf die Seite der Alliierten schlug. Portugiesisch hielt Einzug. Erst nach dem Krieg wurde wieder deutsch gesprochen. Heute ist portugiesisch vorherrschend und deutsch die zweite gesprochene Sprache. Das ist ein Mischmasch portugiesisch von Deutsch, Latein und der entsprechenden Muttersprache. Seit 2010 wird in den Schulen wieder Deutsch gelehrt.
Wie entwickelte sich Pomerode? Rund 25 km nördlich von Blumenau ließen sich Auswanderer aus Pommern (Nordosten Deutschlands und Nordwesten Polens) nieder, gründeten 1863 den Ort und gaben der Siedlung den Namen Pomerode. Diese gehörte bis 1959 verwaltungsmäßig zu Blumenau. Dieses Jahr wurde der 60. Jahrestag der Unabhängigkeit mit der Festa Pomerana gefeiert. 92 % der Einwohner sind deutschstämmig, die auch die deutsche Lebendart beibehielten, d. h. deutscher Baustil mit Fachwerkbauten, Siedlungshäusern mit schönen und gepflegten Gärten, vielen deutschen Namen an Einrichtungen, wie z. B. Restaurant Wunderland und Brauerei Schornstein, die deutschen Traditionen in Tänzen, Liedern, Schützenvereinen und natürlich Bier.
Pomerode ist auch eine Industriestadt, was man dem Ort aber nicht ansieht. Die deutsche Bosch Rexroth AG, die Netzsch-Gruppe, auch der brasilianische Porzellanhersteller Porcelana Schmidt, um einige zu nennen, ermöglichen eine Arbeitslosenquote unter 1%.
Nun aber über die Reise des Bandonionvereins Carlsfeld. Wie schon gesagt, wird jährlich im Januar die Festa Pomerana über eine Woche lang durchgeführt. Das ist eine Art Oktoberfest mit Blasmusik und Tanz, Dirndl, Lederhosen, Bier, gutem Essen und dem täglichen "Ausmarsch", wie die Pomeroder zur Parade sagen.


Ankunft

In der Nacht vom 11. zum 12. Januar begann die Reise für die erste Gruppe, die vorab einen dreitägigen Stopp in Rio de Janeiro machte. Am 17. Januar erwarteten wir die zweite Gruppe auf dem Flughafen in Rio. Als wir die ersten kommen sahen, holten zwei Mitglieder die Bandoneons aus den Taschen und begrüßen die ankommenden mit dem Steigermarsch im Transitraum. Da staunten die anderen Reisenden ganz schön. Gemeinsam flogen wir dann nach Florianopolis, wo uns unsere Gastgeber mit Musik und ganz herzlichen Händeschütteln und Umarmungen begrüßten - als ob Freunde zurückkehrten. Mit dem Bus ging es dann nach Pomerode, wo wir gegen 3:30 Uhr morgens glücklich, aber teils geschafft ankamen. Das erste Mal sahen wir Manuel, den Cottbuser, der in Pomerode wohnt und uns sehr viel über WhatsApp über das Land, die Stadt und die Menschen berichtet hatte. Die Aufteilung auf die Gastfamilien und das Abholen waren die nächsten Schritte.

Erster Tag in Pomerode

Der erste Tag war zum Kennenlernen des Gebietes.
Nachdem die Reiseteilnehmer ausgeschlafen hatten, ging es zur so genannten "Fachwerkroute". Der Stopp war das Fachwerkhaus Nr. 7. Dieses Haus ist seit 1896 im Besitz der Familie Siewert, mit der heute dort lebenden 5. Generation. In den über 100 Jahren hat sich der Charakter des Anwesens fast nicht verändert: Es werden immer noch Zuckerrohr, Mais, kleine Bananen, Maniok und Früchte, aus denen sie Schnaps herstellen, angebaut, den man verkosten und kaufen kann, und es wird neben Hühnern auch eine alte Sorte schwarzer Schweine gezüchtet. Dann ging es weiter entlang der Straße, die gesäumt war von Palmen, großen und kleinen Bananenstauden, kleinen Gehöften und verschieden blühenden Pflanzen, die bei uns kleiner und nur in Gewächshäusern oder auf der Fensterbank existieren.

Die Fahrt endete auf dem Festplatz, wo kurz nach unserer Ankunft ein Platzregen losging - eben tropisches Wetter. Der Festumzug, der jeden Tag durchgeführt wurde, "Ausmarsch" hier genannt, fiel im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser. Aber wir mischten uns unter die einheimischen Gäste, die in Trachten musizierten, tanzten, Holzstämme sägten und vieles mehr, eben wie auf dem Oktoberfest. Es war für uns sehr ungewohnt, aber faszinierend, auf der südlichen Halbkugel unweit des Äquators bayrische Trachten zu sehen und vor allen die deutschen Traditionen zu erleben, auch gutes Bier.


Zweiter Tag in Pomerode

Einmal pro Tag Regen, das reicht, dass es am nächsten Tag noch mehr feucht-heiß ist, nicht wie wir es gewöhnt sind, dass es eine Abkühlung gibt.
An diesem Tag hatte der Bandonionverein Carlsfeld den ersten Auftritt an der Hauptstraße vor dem Museum der Stadt. Der Beginn war wie üblich der Steigermarsch, gefolgt von erzgebirgischer Folklore, Tangos, Walzer, Märsche, aber auch einheimischer Musik. Einige pomeroder Bandoneonspieler spielten zusammen mit den Erzgebirgern. Die Einwohner lauschten der Musik oder tanzten sogar.
Zur gleichen Zeit fand ein Treffen der beiden Bürgermeister Uwe Staab und Erico Kriek statt, auf dem die beiden Orte vorgestellt wurden und ein Gedankenaustausch über Wirtschaft, Kultur, Bildung, Ökologie und Tourismus. Der Bürgermeister übergab ein von der Firma Diersch gesticktes Fahnenband, das an dieses Treffen erinnern soll.
Robert Wallschläger brachte als Gastgeschenk ein Bandoneon für die Bandoneonschule in Pomerode mit und Erico Kriek versprach, das Bandoneonspiel zu erlernen. Wir alle warten auf ein kleines Ständchen von ihm, entweder auf WhatsApp oder bei einem nächsten persönlichen Treffen.
Am Nachmittag fanden einige Pressetermine mit verschiedenen Fernsehsendern statt, was natürlich den Bandonionverein in Brasilien sehr bekannt machte. In den Interviews, die Uwe Staab und Robert Wallschläger gaben, übermittelten beide einen großen Dank für den warmen und herzlichen Empfang, dass man das Gefühl hat, zu langjährigen Freunden zurückzukommen und dass man sich wie in Deutschland fühle, wenn man durch die Stadt geht. Zu jedem Pressetermin wurde der Steigermarsch gespielt, der bald ganz großes Interesse weckte und bald neben der Annemarie-Polka auf pomeroder Seite zu den meistgespielten Stücken zählte.
An diesem Tag fand der Ausmarsch statt, ein farbenfroher Festzug mit vielen Orchestern, bunt geschmückten Fahrzeugen, winkenden und tanzenden Menschen, alle im bayrischen Stil aber noch ohne den BVC. Pünktlich nach Ende des "Ausmarsches" setzte der Starkregen wieder ein.

Christel Eberlein
Bandonionverein Carlsfeld e.V.

Fortsetzung folgt!